Warum #systemrelevant?

Interview

Ein E-Mail-Wechsel zur Miniserie #systemrelevant zwischen der Regisseurin Yael Reuveny und Tamara Or, Judaistin und geschäftsführende Vorständin des deutsch-israelischen Zukunftsforums.

Lesedauer: 11 Minuten

Am Dienstag, 2. Nov. 2021 um 19:16 Uhr schrieb Tamara Or:

Liebe Yael, lieber Roman,

Erst einmal: herzlichen Glückwunsch zur Serie. Ich freue mich, dass ihr diesen wichtigen Beitrag zum Jubiläumsjahr gemacht habt. Durch den Fokus auf die Berufswahl ist Euch das kleine Kunststück gelungen, auf sehr kurzweilige Weise acht jüdische Menschen in ihren spezifischen Berufs- und Lebensumständen zu porträtieren, die zeigen wie normal und wie divers jüdisches Leben in Deutschland ist. Jüdinnen und Juden werden oft entweder nur durch ihr Judentum oder gar nicht mit ihrem Judentum porträtiert. Dabei ist das Judentum für viele Jüdinnen und Juden ein wichtiger, aber eben nicht der alles überlagernde Teil ihrer Identität oder Alltagsrealität. Und genau diesen Facettenreichtum jüdischer Identitäten und Leben macht die Serie sehr schön deutlich. Da spricht dann zum Beispiel eine Erzieherin aus Bayern, die in Chile geboren ist, der Religion wichtig ist, die aber keine Kippa, sondern Tattoos trägt (ja, es gibt auch Frauen, die Kippa tragen). Wir treffen eine jüdische Rettungsassistentin, die mit Geflüchteten arbeitet, und die sich inmitten muslimischer Migrant*innen viel weniger als sonst bedroht fühlt oder einen in Ostdeutschland geborenen jüdischen Polizisten, für den die Bundeswehr zu den „ganz normalen Stationen“ im Lebenslauf gehört. Vorwerfen könnte man Euch natürlich, dass ihr in der Serie kein einziges Klischee bedient, dabei liebt unsere Psyche doch Bekanntes… :-) Für Jüdinnen und Juden ist die Miniserie wahrscheinlich weniger überraschend, ich bin mir aber sicher, das sieht die Mehrheit der nichtjüdischen Zuschauer*innen anders und genau deshalb ist der Ansatz der Serie so wichtig. Gefragt habe ich mich allerdings, warum ihr die Porträts unter den hashtag „systemrelevant“ gestellt habt?

Ich freue mich, von Euch zu lesen und sage schon mal vorab auf Hochdeutsch: masal tov und well done!

Liebe Grüße
Tamara

Von: Yael Reuveny
Gesendet: Mittwoch, 3. November 2021, 12:18 Uhr
An: Tamara Or

Liebe Tamara,

Vorab: Ich danke Dir für Deine herzlichen Worte!

Was den Titel „Systemrelevant“ anbelangt – die einfachste Antwort ist, dass alle Protagonisten in der Serie Berufe ausüben, die in den letzten anderthalb Jahren als "systemrelevant" eingestuft wurden – ein Begriff, den ich als Filmemacherin faszinierend fand. Was sind das für Menschen, die von der Gesellschaft als absolut essentiell dafür angesehen werden, dass sie weiter funktioniert, und was halten die Menschen eigentlich selbst von ihren Jobs? Als ich diesen Begriff in den Nachrichten hörte, kam mir zunächst die Idee für ein illustriertes Kinderbuch über verschiedene Berufe: der Arzt/die Ärztin, die Krankenschwester/der Krankenpfleger, der Polizist/die Polizistin, der Feuerwehrmann/die Feuerwehrfrau, der Lehrer/die Lehrerin und so weiter…

Als ich dann darüber nachdachte, welchen Beitrag ich zu dem 1700-jährigen Jubiläum jüdischen Lebens in Deutschland leisten wollte, ist dieser Gedanke bei mir wieder aufgetaucht. Wir spielten mit der Idee, dass ich Interviews mit jüdischen Politiker*innen und Schriftsteller*innen führen könnte, aber das fand ich dann doch weniger interessant. Diese Leute stehen oft im Rampenlicht, sind die Kamera gewöhnt und verfügen über sämtliche Plattformen, um sich selbst zu repräsentieren, sie brauchen mich also nicht. Und hinzu kommt noch, sie repräsentieren oft eine Art von jüdischen Menschen, mit der sich Deutschland ja ganz wohl fühlt. Ich denke da an diese sagenumwobene jüdische Intelligentsia, die perfekt in das deutsche Narrativ passt und zugleich Insider und Outsider sein darf.

Natürlich ist es ein bisschen provokant, ein Projekt über Juden in Deutschland "systemrelevant" zu nennen. (Ihr hättet die Reaktionen sehen sollen, wenn ich erzählt habe, dass ich an einem Projekt über "systemrelevante Juden" arbeite!)

Die Frage, ob jüdische Menschen zu Deutschland "gehören" oder ob jüdisches Leben für Deutschland "relevant" ist, stellt sich gar nicht. Der geniale Lokführer aus Jena hat es auf den Punkt gebracht: "Naja, ich zahle doch hier meine Steuern".

Und dennoch kann man doch fragen: Was haben diese Menschen (ich meine Juden wie Nicht-Juden), die in den grundlegendsten Berufen arbeiten, die vom Staat als Herzstück der Gesellschaft definiert werden, über den Ort zu erzählen, an dem wir leben?

Und als jüdische Menschen gefragt: Fühlen sie sich diesem Ort zugehörig? Haben sie das Gefühl, dass ihre Arbeit sie irgendwie unabkömmlicher macht? Dass sie über ihre Arbeit mehr dazugehören?

Aber fühlst Du Dich mit diesem Titel unwohl, Tamara? Hast Du Angst, dass er missverstanden wird und dass man ihn als ernstgemeinte Frage danach auffasst, wer überhaupt Teil des deutschen "Systems" sein darf?

Yael

Am Donnerstag, 4. Nov. 2021 um 21:42 Uhr schrieb Tamara Or:

Liebe Yael,

erst einmal herzlichen Glückwunsch zum neuen Film „Kinder der Hoffnung“, über den ich schon viel Gutes gehört habe und den ich mir auf jeden Fall ansehe. Ich kann mir vorstellen, dass Du da gerade viel um die Ohren hast.

Der Hashtag #systemrelevant passt sehr gut zu Deinem Ansatz, den ich super finde. Es geht ja nicht darum, Jüdinnen und Juden als systemrelevant oder nicht zu definieren, sondern es geht – wie Du ja sehr deutlich gemacht hast – darum, Jüdinnen und Juden in den Berufen zu portraitieren, die im letzten Jahr als „systemrelevant“ bezeichnet wurden. Insofern finde ich den Hashtag für die Miniserie auf jeden Fall gelungen. Dass der Begriff der Systemrelevanz für die politische Kommunikation prinzipiell hinterfragt wird, kann ich aber nachvollziehen. Der Begriff „systemrelevant“ ist nur im Bankenrecht juristisch definiert, die Anwendung auf Berufsgruppen in Zeiten einer Pandemie finde ich wenig überzeugend. Dafür kann man aber natürlich nicht Deine Miniserie verantwortlich machen, sondern müsste eher in Frage stellen, dass der Begriff überhaupt in dieser Form verwendet wurde. Für die politische Kommunikation in einer Pandemie eignet sich der Begriff „systemrelevant“ nämlich meiner Meinung nach in der Tat überhaupt nicht. Wenn ich festlege, wer systemrelevant ist, lege ich damit eben gleichzeitig auch fest, wer in meinen Augen nicht systemrelevant ist (und das ist dann auf einmal ein sehr großer Teil der Bevölkerung). Und auch wenn das so nicht gemeint war, haben eben viele Menschen gehört, dass sie anscheinend nicht relevant sind, in dem, was sie tun. In Zeiten einer globalen Pandemie sind aber nicht nur einzelne Berufsgruppen relevant, sondern es ist – vielleicht noch mehr als sonst – super relevant, wie sich jede*r Einzelne verhält. Es spielt eine große Rolle, ob ich Rücksicht nehme, ob ich mich und andere schütze. Es ist relevant, wenn ich z.B. als Künstler*in dazu beitrage, dass Menschen lachen können oder auch einfach mal vergessen, dass es gerade sehr beschwerlich zugeht. Unsere Verfasstheit hängt ja nicht nur von unserer körperlichen Gesundheit ab, sondern auch davon, ob unsere Seelen die Situation aushalten und davon, wie wir uns miteinander verhalten. Ich verstehe Deine Hashtagwahl für die Serie insofern auch als eine Einladung über den Begriff insgesamt mal nachzudenken. Mit der Frage, wie sehr Jüdinnen und Juden „dazu“ (wozu?) gehören, hat das meiner Meinung nach wenig zu tun.

War es eigentlich schwierig, Protagonist*innen zu finden? Wie bist Du vorgegangen? Und was haben die acht Beteiligten eigentlich selbst zu Deinem Filmkonzept gesagt?

Ich freue mich, von Dir zu lesen.

Herzliche Grüße
Tamara

Von: Yael Reuveny
Gesendet: Mittwoch, 10. November 2021, 20:43 Uhr
An: Tamara Or

Liebe Tamara,

Danke!

Ich hoffe, Ihr habt Gelegenheit, Euch "Kinder der Hoffnung" ansehen, bevor er wieder aus den Kinos verschwindet. Es sind keine guten Zeiten für den Filmverleih, obwohl die Kritiken wirklich großartig sind.

Und zu Deiner Frage –

Also... diesmal war es nicht so einfach, die Menschen ausfindig zu machen.

Da kamen verschiedene Gründe zusammen: Zunächst einmal suchten wir ja Leute, die auf unterschiedliche Weise jüdisch sind – manche Menschen, die wir gefilmt haben, leben ein sehr jüdisches Leben und sind Mitglieder der Gemeinde. Sie gehen in die Synagoge und so weiter, also sind sie relativ leicht zu finden. Aber was ist mit den Menschen, für die es in ihrem Alltag selbst keine große Rolle spielt, dass sie Jüdinnen und Juden sind? Vielleicht wissen es die meisten Leute in ihrem Umfeld nicht einmal. Wie kommt man dann an diese Menschen dran?

Wir wollten zum Beispiel einen S-Bahn-Lokführer oder einen Busfahrer finden, und obwohl die BVG sehr kooperativ war, wissen sie natürlich auch nicht, ob ihre Fahrer jüdisch sind oder nicht. Es wäre toll, wenn sie einfach eine E-Mail herumschicken könnten – "Ist hier jemand zufällig Jude?" – aber das wird in Deutschland natürlich nicht gemacht.

Also haben wir viel herumgefragt. Wir haben unsere persönlichen Kontakte spielen lassen.

Ich hatte das Glück, dass ich während meiner Arbeit an der Videoinstallation MESUBIN, die ich für das Jüdische Museum in Berlin gemacht habe, viele Menschen getroffen habe, die ich fragen konnte, ob sie vielleicht Menschen kennen, die in solchen Berufen arbeiten – also als Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer, Sozialarbeiter usw.

Und die Allmacht der sozialen Medien hat auch ihr Teil dazu beigetragen.

Und dann gibt es da noch eine Kolumne in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung, das "Portrait der Woche", eine ganz großartige Angelegenheit. Ich gebe zu, dass ich in deren Archiv mehr als einmal herumgeangelt habe. Vielleicht verrate ich damit gerade meine Geheimwaffe, aber ich schätze, das ist auch ein guter Moment, um den Machern der Kolumne meinen Dank auszusprechen.

Eine weitere Herausforderung bestand daraus, dass ich das Gefühl hatte, die Atmosphäre in Deutschland hat sich verändert, seit ich nach Protagonist*innen für Mesubin gesucht habe. Die Leute waren zögerlicher, weniger bereit, sich zu exponieren. Ich glaube, die Debatte über Antisemitismus hat sich in Deutschland in den letzten Jahren verändert und die Leute sind verhaltener geworden. Wir haben zum Beispiel beschlossen, keine Namen zu nennen.

Die letzte Schwierigkeit, die ich erwähnen möchte, bestand daraus, dass nicht alle Institutionen bereit waren, ihre Mitarbeiter die Teilnahme zu gestatten. Das war eine große Überraschung für mich und ich verstehe es immer noch nicht ganz.

Nun zu Deiner zweiten Frage: Ich glaube, die Leute, die schließlich gefilmt wurden, mochten die Vorstellung, durch die Linse der Arbeit und nicht nur die ihres Jüdischsein betrachtet zu werden.

Alle von ihnen sind sehr stolz auf ihre Arbeit.

Das war's für den Moment.

Weniger als eine Woche bis die Videos rauskommen!

Ich freu mich drauf.

Yael

Am Mittwoch, 10. Nov. 2021 um 21:26 Uhr schrieb Tamara Or:

Liebe Yael,

bevor wir uns nächste Woche hoffentlich in der Heinrich-Böll-Stiftung sehen, fände ich gut, noch was zu Dir zu schreiben:

Du hast ja jetzt einen sehr gut rezensierten anderen Film im Kino, Du hast davor auch andere sehr erfolgreiche Produktionen gemacht. Was ist für Dich persönlich das Besondere an dieser Miniserie? Bist Du zufrieden mit dem Ergebnis? Und was würdest Du Dir für die Ausstrahlung nächste Woche und überhaupt vom Publikum wünschen? Gibt es irgendeine Botschaft, von der Du Dir wünschen würdest, dass sie bei den Zuschauer*innen hängen bleibt?

Liebe Grüße
Tamara

Von: Yael Reuveny
Gesendet: Samstag, 13. November 2021, 16:30 Uhr
An: Tamara Or

Liebe Tamara,

Danke für Deine lieben Worte. Für mich ist es wirklich eine Art Luxus, dass diese Miniserie nur zwei Wochen nach dem Kinostart von "Kinder der Hoffnung" online geht. Normalerweise arbeite ich jahrelang ohne Output und jetzt kommen gleich zwei Projekte in einem Monat heraus!

An der Serie „Systemrelevant“ gefällt mir das Ensemble der Interviewpartner*innen, das wir zusammengestellt haben, wirklich besonders gut. Ich denke, alle acht verfügen über eine erstaunliche Leinwandpräsenz und haben interessante Dinge über ihre Berufe, ihre Arbeit in Pandemiezeiten und auch über ihre Erfahrungen als Juden in Deutschland zu sagen. Für mich war es großartig, eine Videoreihe zu machen, die sich direkt mit dem Wahnsinn auseinandersetzt, in dem wir uns alle in den letzten anderthalb Jahren befanden, und Menschen zu treffen, die beruflich auf unterschiedliche Weise mit der Pandemie umgegangen sind: von einer Sozialarbeiterin, die darüber spricht, wie ein Lockdown in einer Unterkunft für Geflüchtete aussieht, bis zu einem Krankenpfleger, der schildert, welche Einsamkeit und welchen Stress er in den letzten anderthalb Jahren in einer psychiatrischen Abteilung erlebt hat.

Was die Erfahrung der Zuschauer*innen angeht – es wäre toll, wenn man diesen Figuren mit jedem Video ein Stückchen näherkäme und sich nach und nach eine tiefere Vorstellung davon ergibt, wer sie sind. Es wäre toll, wenn es dabei Momente gäbe, in denen man ihnen bei den Schilderungen ihres Arbeitslebens zuhört und zwischendurch komplett vergisst, dass sie Juden sind. Und wenn man dann einen Moment hat, in dem man denkt: "Ah, ja, das sind sie auch". Ich finde es gut, dass das Jüdischsein nicht ständig im Vordergrund steht. In gewisser Weise würde ich mir wünschen, der Alltag wäre so – dass dieser Teil der Identität einfach manchmal mehr und manchmal weniger präsent ist.

Das war's für den Moment.

Morgen sollten die Videos endlich fertig sein!

Alles Gute und ein schönes Wochenende

Yael

Am Samstag, 13. Nov. 2021 um 16:39 Uhr schrieb Tamara Or:

Liebe Yael,

„In gewisser Weise würde ich mir wünschen, der Alltag wäre so – dass dieser Teil der Identität einfach manchmal mehr und manchmal weniger präsent ist.“

Du sprichst mir sehr aus dem Herzen, Yael. Ich drücke Dir und uns allen die Daumen, dass Dein Wunsch ganz bald in Erfüllung geht… Jetzt freue ich mich aber auf jeden Fall schon mal sehr darauf, am Dienstag Dich und die finale Version der Miniserie in der Heinrich-Böll-Stiftung zu sehen.

Auch Dir ein schönes Wochenende und bis bald bei der Premiere

Tamara

Die Beiträge von Yael Reuveny wurden aus dem Englischen übersetzt von Birthe Mühlhoff (Twitter: @brthe_muhlff).